Aber erst noch ‘ne Brezel

In der Nacht des 29. Januar wurde in Berlin die Nacht der Solidarität veranstaltet, bei der Obdachlose erstmals statistisch erfasst werden sollten. Tausende Berliner halfen bei der Zählung in der Hauptstadt. Was nach einem großen Akt der Nächstenliebe klingt, war in erster Linie eine Bestandsaufnahme des Problems.

Bild: Jon Tyson


5 Grad. Nieselregen. Kurz vor 19 Uhr stampfen die freiwilligen Helfer die Treppen des Charlottenburger Rathauses empor. Motivierte Michelin-Männchen in dicke Jacken und Pullover gehüllt.


Im Bürgersaal mit Turnhallen-Charme werden die Freiwilligen in Empfang genommen. Die Zählbüroleitung sammelt die Anmeldungen inklusive unterschriebenem Verhaltenskodex ein. Jeder Teilnehmer bekommt einen Jutebeutel und Thermotrinkbecher. Den kann man sich an einer langen Tischreihe mit Tee oder Kaffee füllen. Daneben stapeln sich Brezeln, Donuts, Bananen und Süßigkeiten. Bevor die harte Wirklichkeit der Berliner Straßen erkundet wird, werden erstmal die Bäuche gefüllt und Hände am Heißgetränk gewärmt. Einige Teamleiter beginnen übereifrig geeignete Mitstreiter zu casten. Es fallen Fragen wie „Arbeiten sie auch im sozialen Bereich?“ und „Kennen sie sich in der Gegend aus?“. Eine gefühlte Ewigkeit passiert nichts, dann meldet sich eine Organisatorin zu Wort und bittet um die Bildung von dreier und vierer Teams für die einzelnen Stadt-Abschnitte. Da ist es gerade mal 20 Uhr. Erst zwei weitere Stunden später beginnt die Aktion. Die ersten schälen sich aus ihren textilen Schichten und machen es sich in den Stuhlreihen gemütlich. Mit jeder Minute schwindet ein wenig Aktionismus.


Es ist die erste systematische Zählung von Obdachlosen in Deutschland, die in dieser Nacht stattfindet. Bisher wurde die Anzahl Obdachloser in Berlin bloß geschätzt. Dabei schwanken die Zahlen zwischen 4.000 bis 10.000 Menschen. Die in Berlin angewandte Methode der Straßenzählung beruht auf einem Modell, das in New York entwickelt wurde und bereits in mehreren europäischen Metropolen umgesetzt wurde und wird. Ab 22 Uhr zählen die Teams in ihrem zugeteilten Abschnitt bis 1 Uhr Obdachlose und führen eine freiwillige Befragung der Betroffenen durch. Die erhobenen Daten sollen zur Verbesserung der Hilfsangebote beitragen. Über 3.700 Menschen haben sich für die Aktion mit dem schönen Titel „Nacht der Solidarität“ angemeldet, immerhin 2.741 sind dann auch wirklich in ihre Skiunterwäsche geschlüpft und haben sich bei den gut 60 örtlichen Zählbüros eingefunden.


Offenbar wollen viele ein paar Karma-Punkte über Nacht sammeln. Soziales Engagement im zeitsparenden Format und ganz ohne Verpflichtungen. Wie geschaffen für die gehetzten Kosmopoliten der Hauptstadt. Großstädter üben das Miteinander. Die meisten Freiwilligen meldeten sich im Szene-Kiez Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg.


Doch wer Hipster-Wohltäter erwartet hat, wird eines Besseren belehrt. Es sind vielmehr Menschen, die sich auch sonst für die Zivilgesellschaft einsetzen, oft in sozialen Berufen arbeiten. So wie Hanna, die als Sozialarbeiterin bisher vor allem mit Kindern zu tun hatte. Zusammen mit Bruder Sebastian hat sie sich für die Teilnahme an der nächtlichen Zählung entschieden. Die 29-Jährige hat sich sogar als Teamleiterin gemeldet, zwei Wochen zuvor die vorgesehene Schulung besucht und ist damit Oberhaupt des kleinen Trupps, der die Gegend um die Helmholtzstraße in Charlottenburg abläuft. Sie ist die Einzige, die sich mit den Eventualitäten des Abends auseinandergesetzt hat und die Gruppe anleiten muss.

Ihr Bruder Sebastian, der erneuerbare Energien studiert, nimmt die laminierte A3-Karte, auf dem der zugeteilte Bereich mit typischen Anlaufstellen, wie Parkbänke, Vorräume von Banken, Kioske und Brücken, abgebildet sind. Dazu kommt noch ein Klemmbrett mit Fragebögen und ein Zettel mit Übersetzungen in zehn weiteren Sprachen. Es geht um nüchterne Fakten wie das Alter, Geschlecht und die Herkunft. Was sich Betroffene für Unterstützung wünschen würden oder warum sie die Nacht nicht in einer Notunterkunft verbringen, geschweige denn wie es zu dieser prekären Lebenssituation kommen konnte, wird nicht gefragt.


Das bemängeln auch die Kritiker. Das Medienecho war gewaltig. Regionale und überregionale Medien berichteten schon im Vorfeld. Dabei kamen nicht selten ehemalige Obdachlose und lokale Hilfsorganisationen zu Wort, die das Vorhaben kritisch sehen. Da keine Parks, Kellerräume und Dachböden betreten werden, sei die Dunkelziffer viel zu hoch und die Zählung kaum repräsentativ. Dazu kommen Wohnungslose, die sich bei Bekannten von Couch zu Couch hangeln, und nicht von der Statistik erfasst werden. Auch die Angst vor Zwangsräumungen und anderen Maßnahmen besteht. Insgesamt herrscht Misstrauen gegenüber den Verantwortlichen und der Politik. Wie so oft.


Die Zweifel beschäftigen auch die Gruppe motivierter Berliner, die an einem dunklen Sandweg am Spreeufer entlang geht. Alle spähen nach Menschen oder etwas, das nach einem Lager aussehen könnte. Es macht sich ein Gefühl der Enttäuschung breit. Mit den Resten des Buffets hatten sie noch die Rucksäcke gefüllt, um zumindest Essen anbieten zu können. „Aber wer sollte bei dem Wetter auch so ungeschützt sein Lager aufschlagen“ gibt Sebastian zu bedenken, während ihm der kalte Wind ins Gesicht peitscht. Keiner kann sich vorstellen bei den Witterungsbedingungen die Nacht im Freien zu verbringen. So hat die Nacht zumindest neue Blickwinkel geschaffen, den einen oder anderen für das Thema sensibilisiert. Beim Ziehen des nächsten Kontoauszugs erntet der Obdachlose im Vorraum vielleicht mehr Verständnis und etwas Kleingeld.


Am Ende konnte die Gruppe nur zwei Zelte aufspüren, denen sich aus Respekt keiner genähert hat. So sieht es der Verhaltenskodex vor. Sie zählen als eine Person. Ob dort wirklich jemand geschlafen hat? Vielleicht sogar mehrere Menschen?


Das zugeteilte Gebiet ist noch vor null Uhr vollständig durchkämmt. Als einziger Akt der Solidarität laufen alle gemeinsam zurück zum Zählbüro, wo die Teamleiter die Fragebögen und blauen Warnwesten abliefern müssen. Tatsächlich sind viele Teams bereits zurück. „Naja, immerhin hat man nette Leute kennengelernt“, schließt ein älterer Herr sein Resümee über den Abend. Seine Gruppe hat ebenfalls niemanden angetroffen.


Einige Tage später werden die Ergebnisse veröffentlicht. Nun beherbergt Berlin offiziell 1.976 Obdachlose. Weitaus weniger, als alle Schätzungen vermuteten. Eine Inventur mit vielen blinden Flecken und toten Winkeln. Die Senatsverwaltung wertet die Aktion als Erfolg. Nun ist die Frage, welche Taten auf die Zahlen folgen.